Rente mit 70 ohne Alternative?
“Ökonomen erklären Rente mit 70 für alternativlos” ist heute auf Welt-Online zu lesen. Zum x-ten Mal kommen Wirtschaftsforscher also zu dem Schluss, das unser heutiges Rentensystem nicht mehr zu finanzieren ist. Die bahnbrechende Erkenntnis ist das nicht gerade. Jeder Arbeitnehmer, der weiter als bis drei zählen kann, weiß das schon lange.
Politiker aller Fraktionen schleichen um die Problematik wie die Katze um den heißen Brei. Man schiebt sich lieber eher den schwarzen Peter zu, als nach vernünftigen Lösungen zu suchen. Erhöhung der Beitragssätze, staatliche Minimalrente – das alles ist auf dem Fang nach Wählerstimmen scheinbar nicht vermittelbar.
Was mich unabhängig von der Diskussion um Beitragssätze oder Renteneintrittsalter wirklich mal interessiert, ist die Frage, wie das Arbeiten bis 70 eigentlich in der Praxis aussehen soll.
Sehen wir uns doch den Status Quo mal an. Die Zeiten, in denen man entspannt und bei halbwegs guter Gesundheit in Rente ging, sind lange vorbei. Dafür sind die Anforderungen heute viel zu hoch. Viele Berufstätige haben ein Blackberry, sind also rund um die Uhr erreichbar. Viele Arbeitnehmer klagen über Stress oder permanenten Zeitdruck, die Statistiken über Rückenbeschwerden, Depressionen oder dem Burn-Out-Syndrom singen ein trauriges Lied davon.
Da stellt sich die Frage, ob man mit Mitte 60 diesen Anforderungen noch gewachsen ist. Ich habe da so meine Zweifel. Wer heute mit Anfang 50 seinen Job verliert, gilt in der Regel als schwer vermittelbar. Wie soll er also bis 70 arbeiten? Mehr noch, in einigen Branchen – beispielsweise der Werbeindustrie – gehört man mit Mitte 30 schon zu den Senioren.
Im Handwerk sieht es ähnlich aus. Kein Maurer oder Fliesenleger wird mit 60 noch seinem Beruf nachgehen können. Spätestens mit 40 zahlen die Handwerker den Preis für die harte körperliche Arbeit. Kurzum: Mit irgendwas zwischen 40 und 50 ist man “auf”. Hier fehlen wirklich sinnvolle Modelle, um auch Älteren ein längeres Arbeiten zu ermöglichen. In Einzelfällen gibt es das. Beispielsweise bei BMW, die teilweise gezielt nach älteren Arbeitnehmern suchen. In der Summe ist doch zu wenig. Hier müssen sich Politik und Wirtschaft schnellstens zusammensetzen.
Ein Schlag ins Gesicht für Arbeitnehmer in der Wirtschaft sind die Regellungen im öffentlichen Dienst. Piloten der Bundeswehr dürfen mit 42 in den Ruhestand. Darüber hinaus wird nach wie vor versucht, durch Vorruhestandsregelungen Kosten zu sparen. Angestellte dürfen sich teilweise mit 50 in den Ruhestand verabschieden. Die finanziellen Einbußen sind dabei überschaubar. Wer im Vorruhestand ist, taucht in den Personnalkosten nicht mehr auf – eine Milchmädchenrechnung. Die Kosten werden eben nur umgelegt.
Von einer sinnvollen Lösung der Problematik sind wir weit entfernt – und das schon seit Jahren. Wer kann, sollte also reichlich vorsorgen um nicht bis zum sprichwörtlichen Umfallen arbeiten zu müssen.